Tagungsbericht: Mediale Verhandlungen religiöser Mehr- und Minderheitenpositionen im öffentlichen Diskurs (17./18.2.2021)
Der Workshop „Mediale Verhandlungen religiöser Mehr- und Minderheitenpositionen im öffentlichen Diskurs“, der von Dr. Anna Neumaier und Dr. Frederik Elwert am 17./18.2.2021 ausgerichtet wurde, war eine Kooperationsveranstaltung des von der DFG geförderten Wissenschaftlichen Netzwerkes „Konstellationen des Verhältnisses von religiösen Minderheiten und Mehrheiten in pluralen Gesellschaften“ und des Arbeitskreises „Religionswissenschaftliche Gegenwartsforschung“ (AK ReGe) der Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft (DVRW e. V.). Aufgrund der Covid-19-Pandemie fand der Workshop in einem rein digitalen Format statt, an dem sich bis zu 24 TeilnehmerInnen beteiligten.Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft (DVRW e. V.). Aufgrund der Covid-19-Pandemie fand der Workshop in einem rein digitalen Format statt, an dem sich bis zu 24 TeilnehmerInnen beteiligten.
Der ursprünglich für Juni 2020 in Präsenz geplante Workshop widmete sich der Leitfrage des Wissenschaftlichen Netzwerkes, welches sich damit befasst, wie religiöse Minderheiten und Mehrheiten diskursiv konstituiert werden, d. h. wie sie sich selbst verstehen und wie sie von anderen Teilen der Gesellschaft als Mehrheit und Minderheit adressiert werden. In der ersten Phase des Netzwerkes, welches für eine Dauer von drei Jahren angelegt ist, steht die Begriffsklärung von Mehrheiten und Minderheiten im Vordergrund, die oftmals als feststehende Größen verstanden werden und denen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden. Anna Neumaier und Frederik Elwert machten im begleitenden CfP zum Workshop im Dezember 2019 auf die Diskrepanz „zwischen zahlenmäßiger Relation und diskursiver Konstruktion“ von Minderheiten und Mehrheiten aufmerksam, die sich insbesondere in öffentlichen medialen Diskursen zeige, was diskursive Grenzziehungen zur Folge haben könne , aber auch Vernetzung, z.B. von religiösen Minderheiten, befördere. Ziel des Workshops war es, anhand empirischer Fallbeispiele zu diskutieren, wie in medialen Diskursen Mehrheiten und Minderheiten diskursiv hergestellt werden, wie sich Fremdzuschreibungen und Selbstpositionierungen in diesem Zusammenhang zueinander verhalten, und wie Mehr- und Minderheiten im jeweiligen Kontext verstanden werden. Dabei sollte außerdem in den Blick genommen werden, in welchem Verhältnis Ressourcen, Teilhabechancen, Machtverhältnisse und Formen der Sichtbarkeit zur Positionierung / zum Positioniert-Werden von Minderheiten und Mehrheiten stehen, welche Konsequenzen sich für religiöse Gemeinschaften aus dem medialen Diskurs ergeben und inwieweit sich damit verbundene Dynamiken im religiösen Feld beobachten lassen.
ROSA LÜTGE bestritt mit ihrem Beitrag zu Religion und Lifestyle in muslimischen Online-Plattformen den Auftakt des Workshops. Mit vergleichendem Blick auf Blogs, Online-Foren und „Lifestyle“-Seiten in Europa und den USA, die unabhängig von einer Anbindung an religiöse Institutionen eine Form der medialen Selbstdarstellung von Musliminnen und Muslimen darstellen, fragte sie nach den Aushandlungsprozessen und der Emotions- und Identitätsarbeit der AkteurInnen. Sie kam zu dem Ergebnis, dass diese digitalen Räume, in denen sich die AkteurInnen zu verschiedenen Themen wie Lifestyle, Fitness, Politik, religiöse Praxis im Alltag oder Rassismus austauschen und ihre Erfahrungen sichtbar machen, stilistisch einen Rat gebenden Charakter aufweisen und Religion in diesem Zusammenhang als Optimierungsfaktor und Copingstrategie fungiert. Dabei wird auf die Positionierung als religiöse Minderheit, ausgelöst durch Rassismuserfahrungen, negative Berichterstattung und Fremdheitserfahrungen, mit Techniken des Gefühlsmanagements reagiert, wie z.B. Affirmation, Evaluation und Reflexion, und es werden Empowerment-Strategien zur Stabilisierung des Selbst („Muslimischseins“) verfolgt.
EVELYN REUTER widmete sich in ihrem Vortrag dem Halveti-Orden im Osmanischen Reich, der im postsozialistischen Südosteuropa stark marginalisiert worden ist. Sie ging der Frage nach, wie sich die Selbst- und Fremdbilder der Halvetis in sozialen Medien darstellen und ob sie sich eher als separatistische religiöse Minderheit oder vielmehr als akzeptierte Untergruppe der sunnitischen Gemeinschaft verstehen. Der geographische Fokus ihrer explorativen Untersuchung richtete sich auf Albanien, den Kosovo und Nordmazedonien und sie untersuchte die Nutzung von und die Darstellung in sozialen Medien (19 Facebook-Gruppen) von sufischen und nicht-sufischen muslimischen AkteurInnen. Die Gruppengrößen schwanken zwischen 900 und 5000 Mitgliedern. Insbesondere interessierte sie sich dafür, wie sich das Verhältnis der Halvetis in Bezug zur nicht-sufischen, sunnitischen Gemeinschaft in den sozialen Medien gestaltet und welche Rolle religiöse Autorität bei den digitalen Aktivitäten spielt. Der Ländervergleich legt soziohistorische Unterschiede offen, zeichnete jedoch insgesamt im Fazit das Bild von den Helvetis als eine geduldete und zugleich ignorierte Untergruppe, die sich selbst als Teil der sunnitischen Gemeinschaft versteht und deren mediale Präsenz vor allem durch religiöse Autoritäten geprägt wird. Die digitale Kommunikation ist vor allem auf die jeweiligen Mitglieder der Gruppen ausgerichtet, eher lokal orientiert und es lassen sich wenig gruppenübergreifende Aktivitäten beobachten.
MIRJAM AESCHBACH behandelte in ihrem Beitrag die Konstruktion mehrheitsfähiger Positionierungen in deutsch-schweizerischen Mediendiskursen und zeigt die Tendenz auf, die Mehrheitsgesellschaft als zunehmend „säkular“ darzustellen. Auf Grundlage einer diskurstheoretischen Konzipierung von „Religion“ und „Säkularität“ stellte sie in ihrer Untersuchung von Medienpublikationen aus dem Jahr 2016 die Frage, wie in diesem Kontext MuslimInnen als Minderheit positioniert werden und sich selbst positionieren. Ein Ergebnis war, dass die Begriffe „säkular“ und „muslimisch“ im Sinne Asads (2003) und Scotts (2018) als normative Bewertungskriterien fungieren, wobei „säkular“ in der medialen Berichterstattung als modern und „muslimisch“ als vor-modern (homogene Einheit und kulturelle Andersartigkeit) bewertet werden. Aeschbach konnte zeigen, dass säkulare Muslime auf die Darstellung von MuslimInnen als potentiell problematische und inakzeptable Minderheit mit einer diskursiven Aneignung reagieren, die als strategische Selbstpositionierung verstanden werden kann, um Zugehörigkeit zur dominierenden „schweizerisch-säkularen Mehrheitsgesellschaft“ herzustellen. In ihrem Fazit wurde deutlich, dass „säkular“ als normatives Unterscheidungsattribut reproduziert wird, wobei sich alternative Diskurslinien in sozialen Onlinemedien (wie z.B. Twitter) abzeichnen. Diese Beiträge, in denen sich MuslimInnen als religiös und zur Schweiz zugehörig positionieren, eröffnen Partizipationschancen für eine Beteiligung an öffentlichen Diskursen, die jedoch im Vergleich zu den Medienpublikationen eine beschränkte Sichtbarkeit hätten, bzw. ein anderes Publikum erreichen.
CARMEN KOCH führte mit ihrer Keynote „Von Heilsmännern, Krösus & Terroristen –Stereotypisierung in der Religionsberichterstattung“ weiter in die mediale Berichterstattung der Schweiz ein. Nach einer kurzen Darstellung der Zugehörigkeit zu Religionsgemeinschaften in der Schweiz (66,9% Christentum, 5,2 % Islam, 0,3% Judentum), rekurrierte sie zunächst auf Statistiken, nach denen sich jede/r zehnte SchweizerIn durch eine Person anderer Religionszugehörigkeit gestört fühle und sowohl MuslimInnen als auch JüdInnen negative Erfahrungen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit artikulieren. Anschließend betrachtete sie die Art und Weise, wie JournalistInnen über das Thema Religion und religiöse Gruppen berichten. Im Fokus ihrer Untersuchung der Religionsberichterstattung standen Themen, Agenda Setting, Nachrichtenfaktoren, aber auch die Perspektive, aus der über Religion gesprochen wurde (Framing) und was (nicht) gesagt wurde (Stereotype, Muster). Methodisch wurde ein zweistufiges Verfahren angewandt, in dem zunächst Fokusgruppengespräche mit Mitgliedern und RepräsentantInnen (ChristInnen, MuslimInnen, JüdInnen) geführt wurden. Die AkteurInnen empfinden die Berichterstattung über sie als repetitiv, einseitig und negativ. An der Berichterstattung sei das mangelnde Hintergrundwissen und fehlende Kompetenz der JournalistInnen erkennbar, was sich auch in der Sprach- und Bildwahl und der unzureichenden Darstellung zwischen Bild und Text zeige. Im zweiten Schritt wurde eine standarisierte Inhaltsanalyse von Beiträgen aus sechs Schweizer Nachrichtenmedien (Zeitraum 1.2.2019 – 29. Februar 2020) durchgeführt. Ein Ergebnis der Stichwortsuche ist, dass jeder zehnte Beitrag Christentum, Islam und Judentum thematisiert, wobei sich eine klare Dominanz der Berichterstattung zu Christentum und Islam zeige. Insgesamt sei die Berichterstattung von stereotypen, narrativen Mustern geprägt, wobei ChristInnen tendenziell positiv attribuiert werden. Die Analyse zeigte, dass Religion in der Berichterstattung jedoch vielmehr einen Nebenschauplatz darstellt und vor allem im Zusammenhang mit politischen Ereignissen thematisiert werde. Darüber hinaus konnte festgestellt werden, dass JournalistInnen Religion als Privatsache behandeln, religiöse Vielfalt (auch aufgrund mangelnder AnsprechpartnerInnen) kaum abbilden und vor allem dann über Religion berichten, wenn die Nachricht einen Ergeignischarakter hat (meist negativ). Die Untersuchung und die anschließende Diskussion zur Keynote weisen darauf hin, dass mediale Berichterstattungen einen Beitrag zur diskursiven Fest- und Fortschreibung von religiösen Minder- und Mehrheitenkonstellationen beitragen können.
SEBASTIAN RIMESTAD stellte in seinem Beitrag die Statement-Konversion als einen Konversionstypus vor, der nicht im klassischen Verständnis eine Umkehr der/des KonvertitIn darstellt, sondern vielmehr als ein Aufruf zur Umkehr zu verstehen sei, den der/die KonvertitIn an die Umwelt richte. Er machte darauf aufmerksam, dass die bekanntesten Statement-Konversionen anhand inner-christlicher Konfessionswechsel zu beschreiben seien, wie z.B. die Konversionen theologisch gebildeter Akteure zum Katholizismus (Beispiel Oxford-Bewegung 1840er Jahre) oder zum orthodoxen Christentum seit den 1980er Jahren in Europa (Skandinavien und England) und Amerika. Anhand zweier Beispiele (Peter E. Gillquist und Hank Hanegraaff) beschrieb er Konversion als Prozess. Ein Kennzeichen der Statement-Konversion sei, dass die Hinwendung zu einer Minderheitenreligion am jeweiligen Standort der Akteure dadurch an Attraktivität gewinnt, dass sie gerade nicht die Religion der Mehrheitsgesellschaft darstellt. Zudem sei die Konversion häufig als Reaktion auf ein Ereignis in der Mehrheitsreligion (z. B. Einführung der Frauenweihe in der Anglikanischen Kirche in den 1990er Jahren, die eine Übertrittswelle zur Orthodoxie auslöste) zu betrachten. Ihr liege dann eine rationale Entscheidung zu Grunde (und eben keine plötzliche Erleuchtung als Schlüsselerlebnis). Rimestad versteht unter einer Statement-Konversion entsprechend ein öffentlichkeitswirksames Bekenntnis durch ein Individuum, das sich frei und ohne Zwang vollzieht. Im Hinblick auf Minderheiten-Mehrheiten-Konstellationen hielt er fest, dass sich die Statement-Konversion vor dem Hintergrund der Konstruktion einer Mainstream-Mehrheit vollzieht, von der sich die Akteure abgrenzen und sich in diesem Zuge einer als „authentischer“ wahrgenommenen religiösen Minderheit zuwenden. Häufig wird dieser Vorgang durch eine Kritik an der ursprünglichen religiösen Heimat gerahmt. Dabei zeigt sich, dass Fragen der Authentizität und konservativen Werthaltungen gegenüber säkularen Positionen der Vorzug gegeben wird.
MAX OVERBECK widmete sich in seinem Vortrag den religiösen Überzeugungen in bewaffneten Konflikten und stieg mit der empirischen Beobachtung ein, dass religiöse Gewalt in diesen Konflikten in den vergangenen Jahren zugenommen hat. In den öffentlichen und politischen Reaktionen lasse sich beobachten, dass Islamdebatten, Pauschalverurteilungen ganzer Religionen und Identitätsdiskurs zunehmen würden. In der quantitativ angelegten Studie, in der 460.000 Zeitungsartikel von 1990 bis 2012 aus Irland, Österreich, Deutschland, Großbritannien, Frankreich und den USA untersucht worden sind, fragt er danach, in welchem Ausmaß und auf welche Art und Weise die westliche Medienöffentlichkeit Religion in bewaffneten Konflikten nach Ende des Kalten Krieges thematisiert, welche diachronen Entwicklungsprozesse festgestellt werden können, und wie sich die Thematisierung von Religion in komparativer Perspektive (Länder, Regionen, Zeitungen) unterscheidet. Zudem interessierte aus qualitativer Sicht, unter welchen Gesichtspunkten Religion im Sample benannt wurde. Mithilfe quantitativer und qualitativer korpusanalytischer Strategien der Textanalyse und qualitativer Inhaltsanalyse konnte gezeigt werden, dass sich eine klare Dominanz der Thematisierung „Islam“ und ein eindeutiger Zuwachs der Thematisierung von Religion in Konflikten im Zeitverlauf abzeichnet. Allerdings seien nur geringe Unterschiede in der Berichterstattung differenziert nach Ländern und Zeitungen auszumachen. Die qualitative, explorative Analyse der Relevanzgesichtspunkte zeige eine Dominanz kulturalistischer Rahmungen, eine Dominanz der Islamdiskurse (bei geringer Thematisierung anderer Religionen) und eine Abwendung der internationalen Politik von der Idee der universalistischen Moderne als Leitlinie hin zur Betonung von Differenzlinien.
MARTIN RADERMACHER diskutierte in seinem Beitrag innerkirchliche Mehr- und Minderheiten am Beispiel medialer Prozesse der Selbst- und Fremdbeschreibung katholischer Initiativen in Deutschland. Zu beobachten sei, dass diese Initiativen innerhalb der christlichen Landschaft zwar als Minderheiten betrachtet werden, sie hingegen medial als Mehrheiten rezipiert werden würden. Radermacher fragt, wie und aus welchem Anlass diese religiösen Minderheiten und Mehrheiten in medialen Diskursen thematisiert werden und stellt dazu das Fallbespiel einer Jugendgruppe (Veni!) vor, die sich in den 2000er Jahren am Niederrhein gegründet hat und heute überwiegend Erwachsene als Zielgruppe anspricht. Diese Gruppe wendet innovative Formate (Musik, Nebel in der Kirche, Kino-Gottesdienste) an. Die Analyse der visuellen Medien und der medialen Berichterstattung zeigte, dass der mediale Diskurs in eine Säkularisierungsdebatte eingebettet ist. Das Ergebnis der Auswertung war, dass keine eindeutigen Mechanismen der Zuschreibung von Mehr- und Minderheiten aufgezeigt werden können und je nach Perspektive die Zuschreibung als religiöse Minderheit oder die Zugehörigkeit zu einer religiösen Mehrheit variiert. Radermacher zeigte, dass die Selbstwahrnehmung der Gruppe (ihre Position: Mehrheit der Gläubigen wendet sich ihnen zu im Vergleich zum Mitgliederschwund der etablierten Kirchen) eine ideelle Mehrheit ist, die sich in einem Diskursfeld weiterer Mehrheitspositionen bewegt.
STEFAN SCHRÖDER widmete sich in seinem Beitrag Mehr- und Minderheitendiskursen in atheistisch-humanistischen Medien und konstatiert zunächst, dass sich die Gruppe der Nichtreligiösen über das Fehlen einer Eigenschaft (Selbstbezeichnung) konstituiert bzw. durch Fremdzuschreibungen diskursiv als Gruppe erzeugt wird, welcher religiöse Eigenschaften fehlen und die je nach Kontext eine weltanschaulich-politische Minderheit oder Mehrheit darstelle. Am Beispiel des Humanistischen Pressedienstes (hpd), der sich mit seinen online publizierten Artikeln, die millionenfach aufgerufen werden, an konfessionsfreie Menschen richtet, führte Schröder eine qualitative Inhaltsanalyse an im hpd zwischen 2007 und 2020 erschienenen Texten durch und wertete die Stellen aus, in denen Nichtreligiöse als Minderheit verhandelt werden. Der Begriff „Minderheit“ findet an 570 Stellen Erwähnung und Nichtreligiöse werden an 59 Stellen in den Texten als Minderheit klassifiziert. Mit Blick auf die Autorschaft, den räumlichen und zeitlichen Kontext, die Erwähnung von Minderheiten und Mehrheiten und die Konsequenzen der Konstruktionen und Prozesse für das Selbstverständnis und Handeln dieser AkteurInnen, zeigte die Auswertung, dass die Minderheitenposition als Selbstwahrnehmung der AkteurInnen zwar benannt, aber vielmehr soziale und politische Benachteiligungen thematisiert werden. Nichtreligiöse würden eine passive Marginalisierung durch privilegierte Mehrheiten erfahren, was mitunter in Verfolgung und Gewalt an dieser Gruppe umschlage. In der Feinanalyse wurde deutlich, dass Nichtreligiöse sowohl als quantitativ-statistische Minderheit (begleitet durch Kritik an der Validität der Messinstrumente) als auch als qualitativ-soziopolitische Minderheit konstruiert werden, die innerhalb Deutschlands politische Diskriminierung und in anderen Ländern keinen Minderheitenschutz erfahren würden. In der Folge plädieren die AkteurInnen für eine bessere Vernetzung und Vergemeinschaftung von Nichtreligiösen, um politisch auf sich aufmerksam zu machen und Marginalisierungen entgegenzuwirken.
ANNA NEUMAIER und FREDERIK ELWERT wendeten sich im letzten Beitrag des Workshops der medialen Thematisierung von Christenverfolgung als diskursive Positionierung zu und untergliedern ihren Vortrag in zwei Abschnitte. Zu Beginn blickte Anna Neumaier auf quantitative und systematische Aspekte von Christenverfolgung weltweit. Dabei wurde deutlich, dass das Ausmaß von Christenverfolgung statistisch schwer zu bemessen sei, was nicht nur, aber auch mit der Vielschichtigkeit des Begriffes selbst zusammenhängt. Dieser lasse sich in verschiedenen Hinsichten ausdifferenzieren, u.a. in Hinblick auf staatliche Einschränkungen vs. gesellschaftliche Anfeindungen; auf Maßnahmen, die Christen als Religionsgemeinschaft diskriminieren vs. Maßnahmen, die die individuelle Ebene betreffen; zwischen Staaten, die Religionsfreiheit / das Christentum auf Grundlage einer politischen Haltung einschränken vs. Staaten, die mit einer nichtchristlichen Mehrheit Christen einschränken. Im Zentrum des Beitrags stand schließlich die Frage nach dem Diskursphänomen „Christenverfolgung“ in Deutschland, welches anhand von christlichen Newswebseiten in Hinblick auf Minderheiten-Mehrheiten-Konstellationen untersucht worden ist. Datengrundlage waren vier christliche News-Portale (evangelisch.de, katholisch.de, jesus.de und kath.net) mit Fokus auf das Jahr 2019. Von 13.905 Artikeln erwähnten 23 Beiträge explizit das Thema „Christenverfolgung“, welche qualitativ-inhaltsanalytisch ausgewertet wurden. Im Hinblick auf Minderheiten-Mehrheiten-Konstellationen war das Ergebnis, dass alle Beitrage Minderheiten thematisieren, die etwa durch Terroranschläge bedroht werden, jedoch seltener Mehrheiten, die diesen gegenüber stehen. Dies deutet u.a. an, dass Mehrheits-Minderheits-Konzepte nicht zwingend als relationaler Verbund verstanden werden müssen, sondern auch losgelöst voneinander auftreten können. Zudem scheint das Thema Christenverfolgung als rückbezügliche (und doppelte) Identitätsarbeit zu fungieren, mit der Konsequenz, dass Mobilisierungsarbeit z.B. in Form von Appellen, Christen in Not mehr zu unterstützen, betrieben wird.
Im zweiten Teil des Vortrags beleuchtete Frederik Elwert intensiver das methodische Vorgehen für den nächsten Schritt der Untersuchung. Da es sich um die Auswertung eines großen Datensatzes handelte, von dem aber nur ein kleiner Teil das Untersuchungsthema „Christenverfolgung“ behandelt, war von Anfang an eine Auswahlstrategie gefragt, die der Fragestellung dienlich ist. So wurde beispielsweise eine reine Schlagwortsuche als wenig hilfreich eingestuft, weil Christenverfolgung oft eher implizit und nicht unbedingt mit diesem Begriff verhandelt wird. Topic Modeling, welches im Bereich der Digital Humanities häufig eingesetzt wird, kann hier helfen. Dabei wurde es im Projekt allerdings nicht, wie sonst üblich, eingesetzt, um einen thematischen Überblick über die gesamte Artikelsammlung zu erhalten. Vielmehr wurde das Modell eingesetzt, um ausgehend von dem qualitativ ausgewerteten Sample weitere ähnliche und einschlägige Artikel kenntlich zu machen. Diese werden im weiteren Verlauf des Projekts in die qualitative Analyse einbezogen.
Die Abschlussdiskussion wurde durch zwei Response durch Carmen Koch und Max Overbeck abgerundet, die nochmals ihre eigenen Beiträge im Hinblick auf das Workshop-Thema reflektierten.
Tagungsübersicht:
17.2.2021
Sabrina Weiß (Universität Leipzig), Sarah Jahn (HSPV NRW), Anna Neumaier (ZAP Bochum), Frederik Elwert (Ruhr-Universität Bochum: Begrüßung und Einführung
10:00 Uhr: Rosa Lütge (Universität Bremen): Religion und Lifestyle in muslimischen Online-Plattformen
10:45 Uhr: Evelyn Reuter (FSU Jena): Sufi-Orden als separatistische Minderheit oder akzeptierte Untergruppe muslimisch-sunnitischer Gemeinschaften. Explorative Fallstudie zum Halveti-Orden im postsozialistischen Südosteuropa
Pause
12:00 Uhr: Mirjam Aeschbach (Universität Zürich): Zwischen „säkular“, „muslimisch“ und „säkularen Muslimen“: Die Konstruktion mehrheitsfähiger Positionierungen in deutsch-schweizerischen Mediendiskursen
Mittagspause
14:00 Uhr: Keynote von Carmen Koch (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften): Von Heilsmännern, Krösus & Terroristen – Stereotypisierung in der Religionsberichterstattung
Pause
16:00 Uhr: Sebastian Rimestad (Universität Leipzig): Die Statement-Konversion – wenn die Mehrheit zu breit wird
18.2.2021
9:30 Uhr: Max Overbeck (Hebrew University): Religiöse Überzeugungen in bewaffneten Konflikten: ein ignoriertes Problem?
Pause
11:00 Uhr: Martin Radermacher (Ruhr-Universität Bochum): Innerkirchliche Mehr- und Minderheiten. Mediale Prozesse der Selbst- und Fremdbeschreibung katholischer Initiativen in Deutschland
Mittagspause
13:00 Uhr: Stefan Schröder (Universität Bayreuth): Mehr- und Minderheitendiskurse in atheistisch-humanistischen Medien
13:45 Uhr: Anna Neumaier (ZAP Bochum) / Frederik Elwert (Ruhr-Universität Bochum): Mediale Thematisierung von Christenverfolgung als diskursive Positionierung
Pause
15:00 Uhr: Response durch Carmen Koch und Max Overbeck mit anschließender Abschlussdiskussion
Neuerscheinung: Handreichung Religiöse Vielfalt in Flüchtlingsunterkünften
Welche Rolle spielt das Verhältnis von religiösen Minderheiten und Mehrheiten in Flüchtlingsunterkünften? Diese Frage wird in einer jüngst erschienenen Handreichung vom Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES) der Ruhr-Universität Bochum behandelt. Netzwerk-Mitglied Sarah J. Jahn ist eine der Herausgeberinnen und AutorInnen.
Auszug Pressemitteilung v. 25.5.2020 (c/o Meike Driessen/Ulf Plessentin, RUB):
Religion kann bei der Flucht eine Ressource sein. Aber auch Quelle von Konflikten im engen Zusammenleben verschiedener Gruppen. Welche Konflikte im Zusammenleben können durch religiöse Vielfalt auf engem Wohnraum entstehen? Und welche Lösungen eignen sich? Tipps und Hinweise für den Alltag in Flüchtlingsheimen werden vom Centrum für Religionswissenschaftliche Studien der RUB herausgegeben. Die kostenfreie Handreichung, die auch online zur Verfügung steht, basiert auf einem Praxisworkshop, der 2017 mit Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft und Praxis in Bochum stattgefunden hat.
Handlungsoptionen für Herausforderungen
Im Anschluss an das Arbeitstreffen sammelten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die Handreichung Fallbeispiele aus der Praxis der Flüchtlingsunterkünfte, beschrieben sie anschaulich und analysierten sie wissenschaftlich. „Anders als in klassischen wissenschaftlichen Publikationen werden hier im Sinne des Wissenstransfers aber auch mögliche Handlungsoptionen für die Herausforderungen im Umgang mit religiöser Vielfalt in diesem Feld aufgezeigt“, so Ulf Plessentin vom Ceres. „Die Handreichung richtet sich deshalb vor allem an Behörden und Betreiber von Flüchtlingsunterkünften.“
Grundlegendes religionskundliches Wissen
Herausgegeben wird die Publikation von den beiden Religionswissenschaftlerinnen Sarah Jahn und Lisa Wevelsiep. Ihnen geht es vor allem um eine Sensibilisierung für religiöse und weltanschauliche Vielfalt und die Reflektion der eigenen Wahrnehmung von Religion(en) in diesem speziellen Kontext. Deshalb bietet die Handreichung auch Hintergrundinformationen zu spezifisch religiösen Themen, die grundlegendes religionskundliches Wissen vermitteln: Welche Ressourcen stellt Religion für den Umgang mit Flucht da? Gibt es Atheistinnen und Atheisten in muslimisch geprägten Ländern? Was bedeuten religiöse Fastenregeln für den Alltag im Flüchtlingsheim? Wie geht man mit dem Übertritt von Geflüchteten zu anderen Religionen um?
Originalveröffentlichung
Sarah J. Jahn, Lisa Wevelsiep (Herausgeberinnen): Religion unterbringen: Regulierung kultureller und religiöser Vielfalt in Flüchtlingsheimen. Veröffentlichung des Centrums für Religionswissenschaftliche Studien, Bereich Wissenstransfer, Bochum, 2020, ISSN: 2699 0245 (online), ISSN: 2699 0237 (print), DOI: 10.13154/rub.145.122
Neuerscheinung: Praxishandbuch zur Regulierung von religiöser Pluralität in Nordrhein-Westfalen
Wie wird in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen mit religiöser Vielfalt umgegangen? Antworten auf die Frage liefert das jüngst erschienene Praxishandbuch zur Regulierung von religiöser Pluralität in Nordrhein-Westfalen. Netzwerk-Mitglied Sarah J. Jahn ist eine der Herausgeberinnen und AutorInnen.
Auszug Pressemitteilung v. 13.11.2020 (c/o Meike Driessen/Ulf Plessentin, RUB):
Religiöse und weltanschauliche Vielfalt ist Normalität in unserer Gesellschaft. Im Alltag müssen aber immer wieder Herausforderungen gemeistert werden, die durch das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen entstehen können. Fallanalysen mit Anregungen für die Praxis zeigt ein Praxishandbuch auf, das im Rahmen der ersten Förderphase des NRW-Forschungskollegs „Religiöse Pluralität und ihre Regulierung in der Region“ (RePliR) entstanden ist. Das Handbuch wird von den beiden ehemaligen Koordinatorinnen des Kollegs, Sarah Jahn und Judith Stander-Dulisch, herausgegeben und vom Wochenschau-Verlag in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung NRW publiziert.
Das Forschungskolleg ist ein Gemeinschaftsprojekt des Centrums für Religionswissenschaftliche Studien (CERES) der RUB mit dem Centrum für Religion und Moderne (CRM) der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.
Sensibilisierung ist notwendig
Wie gehen Kranken- und Pflegeeinrichtungen mit den unterschiedlichen religiösen und kulturellen Vorstellungen ihrer Patientinnen und Patienten um? Welche Handlungsspielräume haben öffentliche Verwaltungen, um etwa die verschiedenen religiösen und weltanschaulichen Bedürfnisse der Stadtbevölkerung zu berücksichtigen, ohne dabei das Neutralitätsprinzip zu verletzen? Wie gehen Lehrkräfte mit der religiösen und weltanschaulichen Vielfalt ihrer Schülerschaft um? Diese und andere Fallbeispiele aus Pflege, Politik und öffentlicher Verwaltung sowie dem Bildungswesen, den Medien, dem Arbeitsplatz und dem Bereich des zivilgesellschaftlichen Miteinanders untersuchen die Autorinnen und Autoren. „Bei den gesammelten Beispielen aus Nordrhein-Westfalen wird deutlich, dass es in vielen Praxisbereichen auch einer Sensibilisierung und Bewusstwerdung bedarf, um solcherlei Herausforderungen zu bewältigen“, so die Herausgeberinnen Sarah Jahn und Judith Stander-Dulisch.
Das Praxishandbuch bündelt die zentralen Ergebnisse des Forschungskollegs für die verschiedenen Praxisbereiche. Die beiden Herausgeberinnen betonen, dass sich das Buch vor allem für den Blick über den eigenen Tellerrand eignet. Fallstudien aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen bilden die Grundlage. „Mit überblicksartigen Artikeln als Rahmung möchten wir bewusst dazu einladen, den Umgang mit religiöser und weltanschaulicher Vielfalt in anderen Bereichen näher in den Blick zu nehmen, um damit auch Lernprozesse anzustoßen“, so die Herausgeberinnen.
Originalveröffentlichung
Sarah J. Jahn, Judith Stander-Dulisch (Herausgeberinnen): Vielfalt der Religionen. Ein Praxishandbuch zur Regulierung von religiöser Pluralität in Nordrhein-Westfalen. Wochenschau-Verlag, Frankfurt/Main, 2021, 352 Seiten, ISBN 9783734411526